Veröffentlichungen
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Veröffentlichungen von Simone Schmidt

In der Fachzeitschrift "Deutsches Yoga-Forum" des BDY "Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland" wurde in der Ausgabe 1/09 der Artikel "Achtsamkeit lehren" gebracht, ein Praxisbericht über meine Arbeit als Yogatherapeutin in dem Zentrum "Ananke" für Essstörungen und Psychosomatische Beschwerden im Klinikum Freyung.

In derselben Zeitschrift wurde in der Ausgabe 4/09 ein Artikel zum Thema Herz "Eine Geschichte von Vertrauen und Hoffnung" veröffentlicht.

  

"Deutsches Yoga-Forum" Ausgabe 4/09

 Das Herz als lebendiges Zentrum des Seins gibt unserer Art, dem Leben zu begegnen, Aufgaben zu bewältigen seine besondere Färbung. Gefühle des Geborgen-Seins und der liebevollen Verbundenheit wechseln sich ab mit dem mühseligen, sehnsuchtsvollen Streben, gerade diese guten Phasen wieder spüren zu dürfen.

Die Licht- und Schattenseiten eines Lebens, seine Herausforderungen aus der Sicht des Herzcakras, bzw. seiner Qualitäten von Liebe, Mitgefühl und Harmonisierung zu betrachten, ist unabdingbar, wenn man nicht die Gefahr eingehen möchte, wesentliche Bereiche seines Lebens verkümmern zu lassen.

In der anthroposophischen Medizin nach Rudolf Steiner gibt es eine sehr interessante Ansicht zur Tätigkeit des Herzens. Das Herz ist nicht in erster Linie ein "Motor", der den Blutkreislauf in Bewegung hält, sondern es wird eher als Stauungsorgan gesehen (in den Momenten, in denen sich die Herzkammern mit Blut füllen, die Diastole), um durch den Augenblick der Fließunterbrechung eine weitere Funktion zu ermöglichen: Es dient als Sinnesorgan. Im Augenblick der Ruhe erfolgt nimmt der Körper Informationen auf, die über das Blut transportiert werden: Informationen über Stoffwechseltätigkeiten und auch, was Nerven und Sinne vermitteln. Damit steht das Herz in permanenter Verbindung zu unserer Gedanken-, Erfahrungs- und Gefühlswelt (1).

Hier sind mehrere Punkte aufgezählt, die ich wesentlich in Bezug auf die körperlichen wie seelischen Herzensmerkmale empfinde:

1. Das ständige sich wiederholende kurze Anhalten und Still werden, um bewusst in Verbindung mit sich zu bleiben.

2. Durch das bewusste Wahrnehmen wird eine angemessene Reaktion bzw. Regulierung möglich (im Stoffwechselbereich geschieht dies durch innerkörperliche Regulationssysteme, die in der Regel nicht von unserem Bewusstsein erfasst werden. Im seelischen Bereich braucht es mehr unser Bewusstsein dazu).

3. Das Loslassen, um sich mit dem nächsten Herzschlag jedem neuen JETZT zu öffnen.

4. Die Verbindung von Gegensätzen zu einer harmonisch funktionierenden Einheit. Die Herztätigkeit schwingt zwischen Enge und Weite, zwischen Kontraktion und Dilatation, das Blut fließt im Wechsel durch die rechte und linke Herzseite, sauerstoffarm und sauerstoffreich.

Vieles davon finden wir mit anderen Worten in der Yoga -Philosophie wieder:

1. Die Essenz der Philosophie "citta vritti nirodha" spricht genau von dieser bewussten, völligen Ausrichtung und Wahrnehmung.

2. Die wiederum dazu führt - über yamas und niyamas -, den Umgang mit unserer Umwelt und uns selbst zu regulieren, angemessener und weniger leidvoll zu gestalten.

3. Die Wichtigkeit der Konzentration auf das Jetzt findet seine Spiegelung in dem ersten, damit bedeutungsvollen Wortes "atha" (Jetzt)in den Yoga-Sutras.

4. Die Suche nach der Mitte zwischen sthira (stabil) und sukha (angenehm, leicht), zwischen dirgha (lang) und suksma (sanft, ohne Verspannung) sind die Konzentrationspunkte für die Körper- und Atemübungen überhaupt: das Finden einer tragenden, erfüllenden Einheit zwischen den Gegensätzen.

So steht meiner Ansicht nach unter diesem Aspekt auch das Üben auf der Matte und die Ausrichtung der Yoga-Philosophie ganz im Dienst der Entwicklung dieser Herz-Qualitäten.

Üben und Entwicklung führen damit hinein in den Alltag. Das Finden der Mitte ist zwar als Möglichkeit vorhanden, wird auch als Geschenk immer mal wieder empfangen, fordert aber die meiste Zeit unsere Aufmerksamkeit. Es ist eine innere Entscheidung, eine bewusste Ausrichtung, sich auf diesem Weg weiter zu entwickeln, sich nicht von bekannten Hindernissen überwältigen zu lassen, wie sie der Yoga auch mit Nicht-Verstehen, Selbstliebe, Verlangen, Ablehnung oder Angst definiert. Das Wunder der besonderen, ganz einmaligen Kraft der Herzenergie findet seine Krönung in der offenen Wahrnehmung aller Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken in ihrem breiten Spektrum und der Verwandlung in ein Gefühl des Annehmens, des Harmonisierens, bis hin zur vollkommenen Liebe.

Das Herz im Sprachgebrauch

Obwohl das Herz der Empfindung aller Gefühle offen steht, wird es in unserer Vorstellung und im gewachsenen Sprachgebrauch mit verschiedenen Schwerpunkten besetzt: Worte wie herzerwärmend, herzensgut, herzlich, offenherzig, warmherzig, etwas aus ganzen Herzen tun beschreiben die befreite, frei fließende Seite. Auch für die beengten Phasen haben wir entsprechende Ausdrücke: herzlos, kaltherzig, engherzig, hartherzig, etwas schweren Herzens tun Gefühle werden mit dem Wort beschrieben wie Herzschmerz, Herzeleid, ein gebrochenes Herz haben. Im Moment der Befreiung fällt einem ein Stein vom Herzen. Auch der Mut sitzt im Herzen mit Formulierungen wie sich ein Herz fassen, etwas beherzt tun.

Besonders Mut wird gebraucht, um auch dann wahrzunehmen, wenn es etwas ungewohntes, abgelehntes, Angst machendes betrifft. Zu fühlen und beherzt Stellung beziehen, innerlich wie äußerlich, es bei Bedarf auch mit Worten und Taten zu bekunden, das bedarf immer wieder echter Beherztheit.

So schön wie sich Worte von Mitgefühl und Liebe auch anhören, können sie doch ihren wirklichen Wert erst durch die Verbindung mit Klarheit, Bewusstheit erfüllen. Eine dauernde Hilfsbereitschaft, die sich danach klagend über das Gefühl der Ausgenutztheit äußert, eine Aufopferungsbereitschaft, die kaum Zeit zur eigenen Regeneration lässt und zu Burn-out und Krankheit führen kann, sind eher deutliche, vielleicht extreme Beispiele. Ein ständiges Lächeln, hinter dem es innerlich brodelt oder das kleine routinemäßige Lächeln, das berufsmäßige Verstehen und Annehmen, das gewohnte "Ja" sind Augenblicke, in denen Freundlichkeit nicht immer von der inneren Wärme getragen wird. Im Alltagsleben bleiben diese Momente bestimmt nicht aus.

In der Auseinandersetzung, was es eigentlich wirklich bedeutet, Liebe und Mitgefühl zu empfinden, kann es auch zu einem Verhalten kommen, das von der Umwelt, vom Gegenüber völlig anders gedeutet wird. In der Kindererziehung habe ich manchmal den Satz hören müssen "du hast mich nicht lieb", wenn z.B. ein 13jähriger nicht das heiß begehrte Computerspiel für 18jährige haben darf. So kann die Verweigerung des Wunsches auch Ausdruck von Herzenswärme sein - vorausgesetzt, dass das Verhalten immer wieder einer hinterfragt wird, einer bewussten inneren wie äußeren Auseinandersetzung unterzogen wird und nicht Ausdruck von Lustlosigkeit oder Interesselosigkeit ist.

Wird der Blick aus dieser Herzperspektive auf die Politik, Umwelt und Gesellschaft gerichtet tauchen nicht selten beängstigende Fragen auf, wo denn die Nächstenliebe, Mitempfinden und Achtung vor dem Leben und seinen Erscheinungsformen geblieben sind. Diese Fragen haben angesichts einer Flut von negativen Nachrichten sicherlich ihre Berechtigung. Gleichzeitig könnte aber auch gerade aus Sicht der cakren-Lehre gesehen die Ansicht an Kraft gewinnen, ob der Mensch auf seinem Weg der Entwicklung nicht all diese Wirren braucht? Die Verwirklichung des Herzcakras steht nicht am Anfang, sondern folgt erst nach der Verbindung mit der Erde, der partnerschaftlichen, auch sexuellen Begegnung, der Entwicklung von Tatkraft und Willen. Den momentanen Ausdruck der gesellschaftlichen Probleme anzunehmen, ihn als Weckruf zu hören, um weiter zu schreiten zu mehr Bewusstheit; der erreichten Tatkraft mit Herzenswärme eine menschengerechtere, Lebens fördernde Ausrichtung zu geben, kann helfen mit Mut und Vertrauen dem Alltag zu begegnen.

Die Gesellschaft besteht ja nicht nur aus den "anderen", ich bin Teil davon und so finden die großen Probleme auch Ausdruck in jedem einzelnen Leben. Und wer kennt nicht Situationen, wo es erst des äußeren Anstoßes bedurfte, um wieder mit wacherer Aufmerksamkeit sein Herz wahrzunehmen. So waren und sind Erfahrungen von Leid und Schmerz mögliche Ausgangspunkte für notwendige Veränderungen.

Gerade Yoga hat für mich persönlich von Anfang an eine derartige Verbindung geschaffen. Vor meinen ersten eigenen Yoga-Kursen überfiel mich völlig unvorbereitet eine große Angst des Versagens, der ich nicht Herr werden konnte, bis zu dem Augenblick, wo ich in ziemlicher Verzweiflung kurz vor der ersten Yoga-Stunde einen Spaziergang an der Isar gemacht habe. Mein Blick fiel auf einen herzförmigen Stein. Augenblicklich lag alle Erlösung in der Erkenntnis, dass nur von hier, vom Herz die Kraft und das Vertrauen für meinen neuen Weg kommen kann. Seit gut dreizehn Jahren liegt nun dieser Stein in jeder Yoga-Stunde zwischen Blumen und Kerze, in Erinnerung und Dankbarkeit für dieses Wegzeichen.

Im Laufe der Jahre kamen natürlich andere Prüfungen, Fragen und Unsicherheiten auf mich zu und so konnte ich die alte Wahrheit immer wieder neu entdecken: Es ist insbesondere die Herzenergie, in der sich Gegensätzliches annähert. Gerade hier kann eine neue, friedlichere, annehmbarere Verbindung geschaffen werden, aus der sehr viel Kraft und Freude erwächst. Das Symbol des Herzens ist sehr viel differenzierter und umfangreicher geworden: Hat es mir anfangs hauptsächlich Mut und Vertrauen gegeben, vor einer Gruppe zu stehen und diese anzuleiten, so dient mir die Energie des Herzens mittlerweile auch in anderen Bereichen, z.B. meine Motivation des Lehrens und Begleitens immer wieder zu überprüfen und neu "zu eichen": Was schleicht sich in der täglichen Routine ein oder auch in Momenten der Überbelastung? Aus welcher Quelle wird die nötige Achtsamkeit für den Unterricht , für die Begegnung mit den TeilnehmerInnen gespeist? Sind es nicht die Momente, wo unsere Achtsamkeit von Wärme getragen ist, die den Kursteilnehmenden TeilnehmerInnen Vertrauen geben, sie offen werden lässt, sich auf ungewohnte Erfahrungen einzulassen? Gibt nicht so eine Atmosphäre den Mut, auch über kleine Schwierigkeiten im Unterricht zu reden, Unsicherheiten auszuräumen, Fragen zu stellen oder kleine Bitten zu formulieren? Und nicht zuletzt findet sicherlich gerade in diesem Bereich, nonverbal wie verbal auch eine Art Vorbildfunktion statt.

Wichtig ist mir auch die Herauforderung Mitgefühl in passende Übungen (vor allem im Einzel-Yoga) und angemessene Worte transformieren zu können, was voraussetzt sich weiterzubilden und hinterfragen zu lassen.

Von dem Pädagogen und Sozialreformer Pestalozzi stammt die Aussage: "Ihr müsst die Menschen lieben, wenn ihr sie ändern wollt. Euer Einfluss reicht nur so weit wie eure Liebe". Im Sinne von Patanjali würde es wohl nicht heißen, die Menschen verändern zu wollen. Eher meint es, dem eigenen Bestreben jedes Einzelnen gute Bedingungen zu schaffen, Veränderung möglich werden zu lassen.

Zum Abschluß möchte ich eine indische Geschichte wiedergeben, die mich tröstet, wenn trotz aller Einsicht und innerster Überzeugung, trotz besseren Wissens sich immer wieder mal das Leben, das eigene Fühlen und Handeln, verdunkelt.

Ein Bote Gottes wird auf die Erde gesandt, um sich nach dem Befinden der Erdbewohner zu erkundigen. Zuerst trifft er auf einen langjährigen, asketischen Wald-Yogi, der in seine Übungen vertieft ist. Im Gespräch bittet dieser den Gottesboten, doch an den Höchsten Lehrer die Frage zu stellen, wann er vom Kreislauf des Lebens und Leidens erlöst werden wird. Auf seiner weiteren Wanderung trifft der Bote auf einen armseligen, betrunkenen Bauern, der sich vergeblich bemüht, einen Bambuspfahl in ein vorgegrabenes Loch zu versenken. Auch dieser fragt nach der Erlösung. Voller Zweifel, ob er gute Botschaft zurückbringen kann, kehrt der Bote wieder in seine himmlischen Heimat zurück. Gott gibt ihm für jeden eine Antworten. Dem Wald-Yogi überbringt ihm die Nachricht, dass er nach drei weiteren Leben vom Kreislauf der Wiedergeburt erlöst werden wird. Erzürnt über diese Antwort mit dem Gefühl, dass seine jahrzehntelange Askese missachtet worden ist, springt er davon, um sich den so lange vorenthaltenen Freuden des Lebens zu widmen. Sorgenvoll begibt sich der Bote daraufhin zum Bauern und fürchtet sehr um dessen Reaktion auf Gottes Antwort. Schon von weiten sieht er die gleichen torkelnden, nutzlosen Bewegungen des Bauern. Auch dieser erkennt ihn schon von weitem und eilt auf ihn zu, die Botschaft zu hören. Er erfährt, dass er nach so vielen Leben, wie ein Baum Blätter hat, die Erlösung erreichen wird. In diesem Moment verwandelt sich das Gesicht des Bauern in höchste Dankbarkeit und Freude darüber, dass er nicht von Gott vergessen wurde und auch ihm ein Erlösungs-Zeitpunkt bevorsteht. Überwältigt beginnt er in Glückseligkeit zu tanzen, so innig und hingebungsvoll, dass Gott sich tanzend zu ihm gesellt und ihn spontan erlöst.

Für mich eine wunderbare Offenbarung der unendlichen Liebe Gottes, in die wir eingebettet sind auch inmitten der Schwäche, inmitten der manchmal nur verborgenen Sehnsucht.


Simone Schmidt

Literatur

(1) Volker Fintelmann, Intuitive Medizin. Einführung in eine anthroposophisch ergänzte Medizin

Bericht aus der Praxis: Achtsamkeit lehren

"Deutsches Yoga-Forum" Ausgabe 1/09

 Der Alltag einer Yogalehrerin und Krankenschwester in einer psychosomatischen Abteilung einer Klinik heißt Arbeit mit essgestörten, depressiven oder auch chronisch schmerzkranken Patienten

Zum Thema "Yoga und Gesundheitsberufe" kann ich seit fast 10 Jahren intensive Erfahrungen sammeln.
Beruflich stehe ich auf drei Beinen die sich letztendlich alle um Yoga und Gesundheit drehen; Yogalehrerin, Krankenschwester und Heilpraktikerin. Näher eingehen möchte ich hier auf die Verbindung der zwei erst genannten Tätigkeiten als Krankenschwester und Yogalehrerin/-therapeutin in einer psychosomatischen Abteilung die einer Klinik angegliedert ist.

Die Behandlung auf einer Psychosomatik basiert darauf, einen Menschen mit seinen Beschwerden nicht nur auf der körperlichen Ebene wahrzunehmen, sondern ihn in seiner ganzen Lebenssituation, seiner persönlichen Lebensgeschichte, mit all seinen Prägungen und Verarbeitungstendenzen zu verstehen. Über den Weg des größeren Verstehens und klareren Erkennens werden mit dem Patienten neue und gesündere Verhaltensweisen oder Lebensumstände entwickelt.

Bei den behandelten Patienten handelt es sich zur Hälfte um Essstörungspatienten (Anorexie, Adipositas, Bulimie) und zum anderen werden Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Schmerzzuständen, Tinnitus oder in Lebenskrisen behandelt.

Die KlientInnen sind zwischen 14-70 Jahren alt, besitzt unterschiedlichstes Bildungsniveau, kommt aus verschiedensten Kulturen und Ländern und werden begleitet von weit gefächerten körperlichen Problemen.

Für jeden Patienten wird zu Beginn seines ca. sechswöchigen stationären Aufenthaltes ein persönlicher Therapieplan ausgearbeitet mit sowohl festen als auch frei wählbaren Bestandteilen enthäl. Zu den wählbaren Elementen gehört das Gruppenangebot Yoga.

In den weitaus meisten Fällen, haben die Patienten keine Vorerfahrung in Yoga, wissen oft gar nicht was sie dabei erwartet, dennoch entscheiden sich mindestens zwei drittel (oft auch erheblich mehr) für die Teilnahme an einer Yogagruppe. Manchmal wird das gefördert durch die positiven Äußerungen von Mitpatienten die schon Yoga bei mir erlebt haben. Zumeist lässt es sich aber sicherlich auf die wachsende Toleranz und Information in den Medien erklären. Immer seltener sind in den letzten Jahren die Bemerkungen geworden: "einen Kopfstand kriege ich aber nicht hin" oder "lernt man bei Ihnen schweben?" Auch wenn es in der Regel keine echte Vorstellung von Yoga gibt, scheint im zunehmenden Maße eine Bereitschaft und Offenheit zu entstehen, bei Frauen, ebenso wie bei Männern.

Nur in sehr seltenen Fällen kollidiert die Anregung des Therapeuten, es doch mit Yoga zu versuchen, mit der inneren Haltung des Patienten. Manchmal liegt es dann an der Angst, den gestellten Anforderungen in der Yogastunde nicht zu genügen. Das lies sich durch ein klärendes, ermutigendes Gespräch und der Einladung es doch unverbindlich zu probieren, bisher noch immer ausräumen.

Manchmal sind es religiöse Gründe; vor allem bei den Zeugen Jehovas gibt es die Befürchtung im Rahmen einer solchen Stunde an hinduistischen Ritualen teilnehmen zu müssen oder mit fremdreligiösem Ideengut belästigt zu werden. Hier kann manchmal nur die Haltung akzeptiert werden, dennoch haben auch schon Zeugen Jehovas beteuert froh zu sein, ihre diesbezüglichen Vorurteile überwunden zu haben.

Einmal wöchentlich finden die Yogagruppenstunden statt. Wegen organisatorischen Schwierigkeiten ist es mir in all den Jahren leider nicht gelungen, die Teilnehmer einer Gruppe nach ähnlichen Schwerpunkten oder Eignungen zusammen zulegen, so dass sich wirklich so gut wie immer höchst kunterbunt gemischte Gruppen ergeben. Das heißt konkret, dass es durchaus üblich ist, dass eine Dame mit 130 Kilogramm neben einem Mädchen mit 32 Kilogramm steht, ein weiterer Teilnehmer sich setzt und seine Gehhilfe an die Wand lehnt, die er seit seinem letzten Schlaganfall benötigt, ein anderer über Bandscheibenvorfall in der LWS erzählt, ein weiterer über ständige, kreissägenartige Ohrgeräusche klagt.
Neben diesen Informationen, stehen mir auch die Äußerungen aller Patienten aus der so genannten "Morgenrunde" zu Verfügung. Hier berichtet jeder von seiner momentanen Verfassung und aktuellen Problemen. Also kommt zu den oben beschriebenen breiten Patientengut noch einiges an Informationen dazu. Harmloserer Art sind Klagen über schlaflose Nächte, schwieriger dagegen TeilnehmerInnen mit momentaner extremer Unruhe oder Angstzuständen, Schwindel, PatientInnen die in ihrer Therapie an sehr belastenden Dingen arbeiten, vor schweren Entscheidungen stehen, aber auch Antriebslosigkeit und fast unüberwindbare Depressionen mischen sich darunter.

Manchmal frage ich mich in solchen Momenten, woher ich das Vertrauen nehme hier Yoga anzubieten.

Aber gerade diese große Herausforderung hat mich auf meinem Yogaweg zum Viniyoga gebracht und erst diese besondere Anwendung von Yoga hat mir das Handwerkszeug gegeben, zumindest einigermaßen adäquat auf die Teilnehmer einzugehen. Ich habe diese Form des Unterrichtens als meine große Rettung empfunden, gleichzeitig hat dies Wissen, wie individuelles Unterrichten in seiner Feinheit und Vollendung aufgebaut werden kann, mir jedoch auch noch bewusster gemacht, dass an sich jeder viel eher Einzelyogastunden brauchen würde.

Die Realität ist jedoch so, dass nur vereinzelt Patienten Yoga- Einzeltherapie angeboten werden kann. Die meisten PatientInnen erfahren Yoga nur in einer Gruppe von 10 Teilnehmenden.

Elemente einer Stunde sind einfache dynamische Übungen aus wechselnden Grundpositionen, die mit exakten Anweisungen der Achtsamkeitslenkung verbunden sind, ansatzweise auch mit der Atemführung; gegen Ende der Stunde gibt es eine ruhigere Sequenz von bis zu 10 Minuten wo der Atem in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Entweder mit der Verbundenheit einer kleinen Bewegung oder mit der Achtsamkeit auf die Bewegung im Brust- Bauchraum oder am Nasenflügel.

Mein Bestreben gilt immer der Schadensbegrenzung: Immer wieder gibt es PatientInnen von denen ich weiß, dass Standpositionen für Sie eine große Kraftanstrengung bedeuten - manchmal auch wegen der Angst umzufallen - oder die sich ausgeliefert und schutzlos in der liegenden Position fühlen. Und wieder andere können aus lauter Unruhe oder wegen Schmerzen die sitzende Position kaum ertragen.

Deswegen hoffe ich durch die Wechsel der Ausgangspositionen es jedem möglich zu machen etwas zu finden wo er sich berühren lassen kann ohne die herausfordernden Sequenzen unüberwindbar werden zu lassen.

Die Wirkung einer solchen Stunde wird von Patienten völlig unterschiedlich empfunden, oft kommt die Rückmeldung, dass man sich selber auf ganz überraschende Weise ruhiger fühlt. Besonders Patienten mit Essstörungen berichten ganz erleichtert, dass sie sich manchmal kaum daran erinnern können, wann sie das letzte Mal so einen Abstand zu ihren sonst ständig ums Essen kreisenden Gedanken gehabt haben.

Auch eine Befreiung des sonst so negativ belasteten Bauchraumes wird oft erfreut festgestellt. Berührend sind auch Erfahrungen, wo sehr korpulente Teilnehmer sich erstmalig in ihrer Haut wohl fühlen, ihre Schwere vergessen, sich leicht und fließend fühlen.

"Wo kommt der tiefe Atem her?" fragte überrascht ein jahrzehntelanger Kettenraucher. Immer wieder liegt aber auch gerade jemand während der Atemberührung still vor sich hinweinend am Boden, im Bewusstsein, dass da etwas wieder lebendig wird, was schon lange nicht mehr gespürt worden ist. Dies ist eine recht häufige Beobachtung und wird in der Regel sehr positiv aufgenommen und als erleichternd empfunden.

Aber es gibt auch Erfahrungen während des Übens, die Angst machen. Besonders Menschen mit Depressionen fallen oft die Übungen am Boden schwer, die mit einer Armbewegung verbunden sind - die Arme werden in ihrer Wahrnehmung so unvorstellbar schwer, dass man direkt das Gefühl bekommt, das all die typischen Symptome einer Depression wie Antriebslosigkeit, Kraftlosigkeit.. sich als Empfindung in dieser Bewegung sammeln.

Bei anderen ist manchmal die innere Unruhe so riesig, dass ich trotz dynamischen, Ausatem-betonten Übungsbeginns den Patienten nach kurzer Zeit von dieser Stunde befreie.

Zuerst überraschend, dann aber nachvollziehbar, war auch die Erfahrung, dass es bestimmte Übungen gibt, die vor allem Patienten mit sexuellem Missbrauch des öfteren Probleme machen (cakravakasana, uttanasana).

Allgemein ist die Verbindung zum eigenen Atem selten leicht zu erleben und es bedarf immer wieder der ganz kleinen, angepassten Schritte, kreativen Variationen, um hier eine positive Annäherung möglich zu machen.

Interessant war auch die Feststellung der Therapeuten, dass Therapie-gespräche direkt nach der Yogastunde auf besondere Art klärend und weiterführend sind.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor, liegt in der Beziehung zum PatientInnen. Mein Kontakt ist im normalen Ablauf der Station zu den Patienten sehr unterschiedlich. Es ist üblich, dass manche Kontakte eng und vertraut sind und andere wiederum eher oberflächlich.

So wird auch in einer Yogastunde schnell deutlich, wer mich kennt, mir vertraut und meine Anweisungen auch dementsprechend vertrauensvoll entgegen nimmt, dabei bereit ist innere kleine Hürden zu überwinden.

Zu anderen Teilnehmern muss diese Beziehung erst aufgebaut werden.

Zu Beginn jeder Stunde ermutige ich die Patienten sich einer neuen Erfahrung zu öffnen, eine vielleicht neue Begegnung mit sich selber zu ermöglichen und bei Schwierigkeiten, Schmerzen, steigender Unruhe . sofort den Kontakt zu mir zu suchen (durch zuwinken).

Dies Angebot wird teilweise genutzt, teilweise kommen Probleme erst bei der Abschlussrunde "auf`s Tapet". Je nach Intensität gehe ich gleich darauf ein, oder ich bitte den Teilnehmer zu einem extra Gesprächstermin. Insgesamt ermöglicht die gestaffelten Kontaktmöglichkeiten - sich in der Stunde direkt zu melden, Rückmeldung aller Patienten am Ende der Stunde und die Möglichkeit zu einem Gespräch unter vier Augen - eine ehrliche und offene Auseinandersetzung. Die wiederum sind unabdingbare Voraussetzung für Stunde passender zu gestalten, noch angemessener Hilfestellung zu geben, Ansagen zu modifizieren und mehr zu verstehen, mich einzufühlen.

Für die PatientInnen fördern und bewahren die Kommunikationswege Offenheit gegenüber dem Yoga, zeigen Ihnen Möglichkeiten des angepassten Übens auf und vermitteln, das jeder mit seinem So-Sein angenommen ist.

Lange Zeit gab es auch im Rahmen eines Qualitätsmanagementes, die Rückmeldemöglichkeit über einen von mir entworfenen Multiple-Choise Fragebogens (mit zusätzlicher Möglichkeit zum freien Kommentar), am auffälligsten war hier die Steigerung von Entspannung, Ruhe und Zufriedenheit und die Erhöhung der Wahrnehmung vom Körper, noch mehr die des Atems.

In einer stationären Therapie erfolgen ziemlich viele, oft geballte Eindrücke und Erkenntnisse durch Hinterfragen, Analysieren, Erfahrungen in den verschiedenen Therapiegruppen (therapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Familienstellen.)aber auch Ideen und Lösungsvorschläge von Mitpatienten sind reichlich zu haben; dies führt manchmal dazu, das PatientInnen klagen: "Jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich eigentlich selber will und fühle mich völlig verwirrt" oder sich zu viele Ziele setzen.ich sehe hier die Aufgabe von Yoga, etwas "runter zu kühlen", zu klären.

Meine persönliche Hauptintension für die Stunden ist, spürbar werden zu lassen, das es eine innere Oase in jedem von uns gibt wo wir zu uns selber finden, Kraft schöpfen können, Vertrauen und Klarheit finden Gefühle zuzulassen, Entscheidungen zu fällen, seinem eigenen Weg zu folgen.

Trotz aller Schwierigkeiten und persönlichen Hinterfragens, ist es für mich erstaunlich wie positiv die Yoga-Erfahrungen erlebt werden. Ein Teil geht am Ende der Therapie mit dem Vorsatz nach Hause dort Yoga weiterzuführen, ab und zu sogar mit der Idee selber eine Yogalehrer-Ausbildung zu absolvieren.

Beim Beenden dieses Artikels gab es gerade die Anregung von Seiten der Patienten: Yoga doch bitte mehrmals wöchentlich anzubieten, am besten vormittags zum Sortieren der Gedanken und abends noch mal um besser einzuschlafen.

Dukha, das Leid, wartet an jeder Ecke, wir sollten uns nicht scheuen, Yoga ganz im Sinne von Patanjali als Hilfestellung anzubieten.

Simone Schmidt